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Casino Luxembourg

Ausstellungen

Eulalia Validosera, El Periodo (The Period), 2006. Installation in situ. Galeria Joan Prats, Barcelona. © Jessica Theis.

Bruno Baltzer, La gloire de mon père, série 3, juin 2009, 2009. 16 photographies couleur C-prints. © Jessica Theis. 

Carmit Gil, BUS, 2002. Sculpture, bois, aluminium, fer. Frank Elbaz, Paris. © Jessica Theis.

30.1 — 11.4.2010

everyday(s)

künstler: Bruno Baltzer, David Bestué & Marc Vives, Christophe Büchel, Claude Closky, Christine Dupuis & Thorsten Beansch, Cao Fei, Carmit Gil, Takahiro Iwasaki, Christian Mosar, Valérie Mréjen, Paula Mueller, Danica Phelps, Pavel Smetana, Pier Stockholm, Andrijana Stojkocic, Jiri Thyn, Virginie Yassef
kurator(en): Fabienne Bernardini, An Schiltz

Das, was wir gemeinhin als „Alltag" bezeichnen, bleibt größtenteils implizit, da es dem Bereich des Erlebten zugehörig ist und sich nur selten im Zentrum unserer Aufmerksamkeit wieder findet. Der Alltag, bestehend aus tausenden kleinen Gesten und Interaktionen im öffentlichen und privaten Bereich, verweist auf jenes Zeit-Raum-Gefüge, in dem sich die Beziehungen zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft äußern. Gemeinsame Geschichte(n), Gewohnheiten oder überlieferte Traditionen nehmen Gestalt an und werden in der Praxis des Alltags überliefert. 

Wiewohl die unabänderliche Abfolge der Tage und Nächte diesen Prozess der Übermittlung dank unablässiger Wiederholungen ermöglicht, handelt es sich bei letzteren keinesfalls um Redundanzen; vielmehr ist jedes einzelne „alltägliche Leben" einzigartig - in dem Maße, wie auch jeder einzelne, der es lebt, einzigartig ist - ungeachtet des Umstands, dass es kollektiven Normen, Darstellungen und Erfahrungen unterliegt. Der Alltag ist demzufolge an und für sich individuell und kollektiv zugleich. Doch wer von Normen spricht, kommt um Begriffe wie Widerstand und Freiräume nicht umher. Es wäre zu kurz gegriffen, den Alltag als eine rein durch die Verinnerlichung sozialer Verhaltensregeln und -muster geprägte Vorbestimmung zu definieren, denn jeder praktische Kontext, jede Begegnung von Individuen ist einzigartig. Und obgleich bestimmte Gesten oder Ausdrücke sich im täglichen Gebrauch kaum zu wandeln scheinen, sind sie doch allein aufgrund ihrer zeitlichen Wiederholung Veränderungen ausgesetzt. Die im Titel des Projekts in Klammern angedeutete Mehrzahl - everyday(s) - verweist unter anderem auf die Zeit, die inhärenter Bestandteil jeder kritischen Auseinandersetzung mit dem Alltag ist. Schließlich ist es das Fortschreiten der Zeit, das die Möglichkeit der Wiederholung, aber auch der Anpassung, Neuinterpretierung und tagtäglichen Veränderung überhaupt erst begründet.

Die Veränderung kann ihrerseits, wenn sie unerwartet und gewaltsam eintritt, eine Zäsur im Alltag des Einzelnen oder der Gemeinschaft darstellen. Doch selbst die „außergewöhnlichsten" Situationen weichen schnell wieder einer gewissen Routine des Alltags. Das Wiederholen immer gleicher Gesten - abgesehen davon, dass es eine Ersparnis an Energie und Aufmerksamkeit darstellt - bedient ferner unser Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit. Ist der Verwaltungs- und Reglementierungswahn, dem sich das Individuum in westlichen Gesellschaften tagtäglich unterwirft, nicht auch ein Mittel, um die Illusion der Unvergänglichkeit zu beschwören?

Die Ausstellung everyday(s) zeigt die Werke von achtzehn Künstlern und Künstlerinnen, die sich mit dem Alltag oder einem Fragment unseres täglichen Lebens befassen. Doch während dieses „Rohmaterial" - der Alltag in seiner ganzen Vielfältigkeit - frei verfügbar, da allen gemein ist, verabschieden sich die hier gezeigten Werke vom gemeinsam Erlebten, indem sie den Blickpunkt wechseln. Die Installationen, Videos, Fotografien, Zeichnungen und Skulpturen in dieser Ausstellung lassen sich von der Erfahrung des Alltags inspirieren, wobei ihr Augenmerk einem Teilstück der Realität, einer Atmosphäre oder einer bestimmten Situation gilt. Indem sie von der wirklichen, „banalen" Welt ausgehen und diese einer Dekonstruktion, Distanzierung oder Dekontextualisierung unterwerfen, eröffnen sie ungewohnte Perspektiven auf unsere Umgebung und das, was unser Leben Tag für Tag bestimmt. Kunst als eines von vielen Wissenswerkzeugen? So lautet zumindest die Hypothese des französischen Philosophen Pierre-Henry Frangne: „Wenn wir also wollen, dass der Kunst eine tatsächliche Funktion in der Wissensproduktion zukommt, wenn wir wollen, dass die Kunst uns auf einer ihr eigenen Art und Weise etwas über die Wirklichkeit lehrt, dann müssen wir annehmen, dass die Flucht aus dem Alltag und dem Fragment, zu der sie uns notgedrungen einlädt, nichts anderes ist, als das paradoxe Mittel, um zu ihnen zurückzukehren, sprich zu uns selbst: zu unserer alltäglichen Erfahrung, in der die Einheit dessen, was wir als ‚unser Leben' bezeichnen, sich sucht ohne sich je zu finden." 

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Bilder

Eulalia Validosera, El Periodo (The Period), 2006. Installation in situ. Galeria Joan Prats, Barcelona. © Jessica Theis.

Bruno Baltzer, La gloire de mon père, série 3, juin 2009, 2009. 16 photographies couleur C-prints. © Jessica Theis. 

Carmit Gil, BUS, 2002. Sculpture, bois, aluminium, fer. Frank Elbaz, Paris. © Jessica Theis.

Christine Dupuis & Thorsten Baensch, Kitchen, la cuisine transportable, 2001-2010. Installation in situ. © Jessica Theis.

Pier Stockholm, Prozac Garden, 2004-2010. Installation in situ. © Jessica Theis.

Takahiro Iwasaki, Out of Disorder / Tectonic Model, 2009. Installation in situ. Arataniurano Gallery, Tokyo. © Jessica Theis.

Virginie Yassef, Billy Montana (version 2), 2007. Installation in situ, étagère « Billy » IKEA, 58 étagères laminées laquées, 58 couleurs « Montana . Galerie GP & N Vallois, Paris. © Jessica Theis.