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Casino Luxembourg

Maria Anwander, The Present, 2012. © Jessica Theis - Blue Box Design.

Maria Anwander, The Present, 2012. © video still : Yann Tonnar.

Maria Anwander, The Present, 2012. © video still : Yann Tonnar.

7.5 — 2.9.2012 Künstlerresidenz

Been Present

künstler: Maria Anwander

Maria Anwander ist Konzeptkünstlerin. Gegenstand des Projekts been present, das die Österreicherin (*1980 in Bregenz) während ihrer Künstlerresidenz im Casino Luxembourg vom 9. Mai bis 28. Juni 2012 entwickelt hat, sind Begriffe wie Zeit, Gegenwart, Geschichte, Erinnerung, Gedächtnis sowie auch die Zeit, die Anwander selbst in Luxemburg verbracht hat. Für ihre künstlerische Auseinandersetzung mit diesen Konzepten arbeitete Anwander mit zwei sehr unterschiedlichen „Materialien": zum einen mit Neonröhren und damit einer Technologie, die vor mehr als 100 Jahren erfunden und vor mindestens 60 Jahren Einzug in die Kunst gehalten hat, zum anderen mit Naturstein, einem bereits in der Altsteinzeit benutzten kreativen Werkstoff. Während der moderne Werkstoff sehr empfindlich ist, zeichnet sich Letzterer durch seine Beständigkeit aus. Werden beide gleichermaßen in Erinnerung bleiben? Was macht ein Kunstwerk unvergänglich, unter welchen Bedingungen wird es Teil der Geschichte?

NOT ALL ART WILL GO DOWN IN HISTORY wird von nun an als Pendant zu Maurizio Nannuccis Neonschriftzug ALL ART HAS BEEN CONTEMPORARY auf der Glasfront des „Aquariums" zu lesen sein. Ungeachtet einiger formaler Gemeinsamkeiten mit Nannuccis Werk geht Anwander in ihrer Reflexion jedoch weiter, konfrontiert uns ganz unmittelbar mit dem Thema. Und noch in weiteren Punkten unterscheidet sich Anwanders Neon von Nannuccis: Es hat eine andere Farbe - Grün, und das weniger leuchtend -, ist nur halb so groß und mit seiner Platzierung in der unteren Ecke der Südfassade des Casino Luxembourg weniger frontal. Auch wenn die dezidierte Aussage ihres Neons unbestreitbar scheint, sucht Anwander sie durch ihren - eher dezenten - künstlerischen Gesamtansatz zu nuancieren, ganz so, als wolle sie leise Zweifel aufkommen lassen, Zweifel im Bezug auf die Geschichte, im Bezug auf das Streben des Menschen, dem Lauf der Zeit zu trotzen und nach Ewigkeit und Überdauern zu trachten.

Für ihre Performance The Kiss im Jahr 2010 gab Anwander einer zuvor ausgewählten Wand im MoMA in New York einen langen, intensiven Kuss. Neben diesem unsichtbaren Kuss brachte sie als Legende ein Schild an, das exakt jenen glich, mit denen das MoMA über die ausgestellten Werke informiert, und auf dem sie ihre Aktion kurz erklärte. Mit ihrem Kuss - für den sie keine Genehmigung eingeholt hatte und den sie darüber hinaus auch noch dem MoMA überlassen hat - ist es der Künstlerin gelungen, für eine bestimmte Zeit (wie lange, weiß Anwander nicht) in der Sammlung des MoMA vertreten zu sein. Sich in einem derart berühmten Museum Seite an Seite mit den „ganz Großen" zu präsentieren war in gewisser Hinsicht ein Versuch, ihre Aussichten darauf zu verbessern, schließlich eines Tages selbst Teil der Kunstgeschichte zu werden ... Dafür hat sie es gewagt, eine Abkürzung zu nehmen, und ganz bewusst den „Pflichtparcours" ignoriert, den im
Allgemeinen jeder Künstler ableisten muss, um mit einer Präsentation seiner Werke in einer so renommierten Kunstinstitution gewürdigt zu werden.

Damit hat Anwander die Verbindungen unterlaufen oder durchtrennt, die zwischen Kunstinstitution auf der einen und dem Markt für zeitgenössische Kunst auf der anderen Seite bestehen, einem Markt, der auf einer „Ökonomie der Aufmerksamkeit" basiert. Alle KünstlerInnen sind abhängig von Aufmerksamkeit, Interesse und Wertschätzung der Öffentlichkeit. Ihre Laufbahn wird zu großen Teilen bestimmt durch den Erfolg ihrer Ausstellung und ihre Sichtbarkeit. So wurde die Website artfacts.net geschaffen, um den Kunstmarkt durch die Zusammenschau aller verfügbaren Daten aus der Kunstwelt verständlich und nachvollziehbar zu machen. Insbesondere zeichnet sich die Site durch das dort eingeführte System des Artist Ranking aus. Man verzichtet dort auf eine schlichte alphabetische Auflistung der Künstler, sondern es erfolgt eine
Bewertung ihrer Karriere auf der Grundlage ökonometrischer Methoden und damit ganz im Sinne der von Georg Franck konstatierten Ökonomie der Aufmerksamkeit.

Entscheidender Faktor für die Positionierung der Künstler im Artist Ranking ist der Grad der Aufmerksamkeit, die professionelle Vertreter der Kunstszene ihnen schenken. Die Künstler werden nach einem Punktesystem bewertet. Die individuelle Punktzahl gibt Aufschluss darüber, in welchem Maße der Künstler insgesamt von internationalen Kunsteinrichtungen wahrgenommen wurde. Diese Punktzahl bestimmt auch den zukünftigen Verkaufserfolg von Werken dieses Künstlers bei Versteigerungen oder in der Galerie. Ganz offensichtlich spielen die internationale Sichtbarkeit eines Künstlers und dessen Anerkennung durch etablierte Kunstinstitutionen oder renommierte Kunstexperten in diesem System eine zentrale Rolle. Allein die derart gewonnene Aufmerksamkeit kann den hier gelisteten Künstlern zukünftig noch mehr Interesse verschaffen und damit auch größere Chancen, (an)erkannt zu werden. Bis heute wurden auf artfacts.net beinahe 45.000 Künstler bewertet.

In der Ausstellung Gaming the System: rank the ranking or fuck the curator im Jahr 2010 hat Maria Anwander als Kuratorin versucht, dieses Klassifizierungssystem mit ihren ganz eigenen Mitteln von innen zu infiltrieren. Dazu hat sie die an den letzten drei Positionen der Liste geführten Künstler zu ihrer Ausstellung eingeladen. Für diese Auswahl war die Qualität der Arbeiten in keiner Weise relevant, einziger Grund für die Einladung war, ihnen zu einem höheren Platz im Ranking zu verhelfen. Der Künstler Ruben Aubrecht seinerseits hat den Ausstellungstitel beim Wort genommen und es so geschafft, an der Ausstellung teilzunehmen, ohne überhaupt eine Arbeit zu zeigen. Sein Saal blieb leer. Ein Post-it auf einer der Wände verriet den verdutzten Besuchern, warum er überhaupt im Kreis der ausstellenden Künstler vertreten war: „FUCKS THE CURATOR" ... Er kannte also einfach „die richtigen Leute", in diesem Fall die Ausstellungskuratorin: Ruben Aubrecht ist tatsächlich der Lebensgefährte von Maria Anwander.

Dieses Projekt macht auf (un)gebührliche Art und Weise deutlich, dass es, will man in der „Ökonomie der Aufmerksamkeit" Erfolg haben, manchmal reicht, sich an die zu halten, deren Stimme Gewicht hat.

Für The Present, ihre im Rahmen ihrer Künstlerresidenz in Luxemburg entwickelte Intervention im öffentlichen Raum, geht Maria Anwander noch weiter und verschafft sich auf ebenso raffinierte wie radikale Weise Sichtbarkeit. In einer geheimen Aktion hat sie bei Nacht und Nebel einen zwei Tonnen schweren Kalksteinblock auf die Place d'Armes mitten im Zentrum von Luxemburg geschafft. Eine in den Stein gehauene Inschrift gibt Auskunft über den Namen der Künstlerin, den Titel des Werkes, das verwendete Material und die Maße der Arbeit. Außerdem erfährt man, dass dieser Stein ein Geschenk der Künstlerin an die Stadt Luxemburg aus dem Jahr 2012 ist. Nur dass die Schenkende nicht die Zustimmung der Beschenkten eingeholt hat. Da die luxemburgischen Behörden nicht über diese Schenkung informiert waren, werden sie nun entscheiden müssen, wie sich dieses Projekt weiter entwickelt: Entweder sie lassen den Stein sofort entfernen, oder sie nehmen das Geschenk an - zumindest bis zum 5. September 2012, dem Ende des Projekts.

Während The Kiss und FUCKS THE CURATOR Versuche nahezu bar jeder Stofflichkeit waren, sich einen Platz in der Geschichte zu sichern, hat Maria Anwander sich mit The Present für ein deutlich offensiveres Vorgehen entschieden: Selbst wenn man ihren Stein in einem Fluss versenken würde, würde er nie ganz verschwinden und könnte damit nie vollständig in Vergessenheit geraten. Der Stein allein ist zwar kein Kunstwerk im eigentlich Sinne, doch er macht das Konzept der Künstlerin im Wortsinne fassbar, und mit ihm hinterlässt ihr Konzept eine Spur.

Angesichts der Tatsache, dass die Künstlerin den Fortbestand ihres Konzepts in der Geschichte sichern will, mag der Projekttitel - The Present - verwundern, deutet er doch an, dass es Anwander letztlich eher um das Hier und Jetzt geht, dass sie die Aufmerksamkeit - wenn auch fast unmerklich - auf die Gegenwart lenken will: Statt eine Ausstellung im „Aquarium" zu veranstalten, hat sie sich entschlossen, den Raum vollkommen leer zu lassen. Von ihrer Präsenz zeugen nur die Vorführung des Dokumentarfilms über ihre Intervention The Present und der Neonschriftzug NOT ALL ART WILL GO DOWN IN HISTORY. Die weitere Geschichte wird noch geschrieben werden ...

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Partner

Das Projekt von Maria Anwander wurde dank der großzügigen Unterstützung von der Österreichischen Botschaft in Luxemburg, dem Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (Österreich) und Neon Müller (Luxemburg) realisiert.

Bilder

Maria Anwander, The Present, 2012. © Jessica Theis - Blue Box Design.

Maria Anwander, The Present, 2012. © video still : Yann Tonnar.

Maria Anwander, The Present, 2012. © video still : Yann Tonnar.

Maria Anwander, The Present, 2012. © video still : Yann Tonnar.

Maria Anwander, Not All Art Will Go Down in History, 2012. © Jessica Theis - Blue Box Design.